
Mobilisierungszeitung zum Pfingstcamp in Rägelin bei Neuruppin , April 2004
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Den Konflikt vor lauter Kriegen nicht sehen
'Gegen das Bombodrom, gegen den Bombenabwurfplatz der Bundeswehr in der Ruppiner Heide!' Diese Forderung ist vor Ort weitestgehend präsent und unumstritten. Zu den vergangenen und andauernden Kriegen der Bundesregierung versammelten sich viele Menschen auf den Straßen, um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen. Dennoch gehen viele nicht den Schritt zu sagen: 'Bundeswehr abschaffen'.
Ob die Armee nun notwendig sei, um Bündnisaufgaben wahrzunehmen oder 'humanitär zu intervenieren'. Was bleibt, scheint die Notwendigkeit einer Armee. Diese 'Notwendigkeit' jedoch, liegt einzig in der Wahrung der ökonomischen und machtpolitischen Verhältnisse national und international. Wenn mensch das Verhältnis von Bundeswehr und Deutschland betrachtet, wird schnell klar, dass diese unmittelbar zusammenhängen.
Deutschland, Bundeswehr, Blut und Boden ' ihr könnt mich alle mal!
Deutschland als solches definiert sich durch zwei Faktoren: die Staatsbürgerschaft und das Territorium. Also das Gebiet, das es begrenzt, und die Personen, die es umfasst. Der deutsche Staat kann somit bestimmen wo und für wen deutsches Recht gilt. Deutschland grenzt sich gegenüber allem anderem ab. Die Sicherung des auf diese Weise konstruierten Staates (Blut und Boden) ist die unmittelbare Aufgabe der Bundeswehr. 'Die Verteidigung Deutschlands gegen eine äußere Bedrohung ist und bleibt die politische und verfassungsrechtliche Grundlage der Bundeswehr.' (www.bundeswehr.de) Diese Bedrohung wird jedoch nicht nur in kriegerischen Handlungen anderer Staaten oder Gruppen, wie z.B. dem 'internationalem Terrorismus' gesehen, sondern auch in Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer entschieden haben, in Deutschland leben zu wollen. So war nicht zuletzt die Angst vor einer, über deutsche Grenzen schwappende Flüchtlingswelle, ein zentraler Grund für den Kriegseinsatz in Bosnien und im Kosovo.Die starke Abgrenzung nach außen, also gegenüber allem 'nicht-deutschen' führt auf dazu, dass innerhalb Deutschlands alles 'deutsche' stärker zusammen rückt. Es entwickelt sich ein rassistisches Nationalstaatsgefühl, bei dem die Bundeswehr folglich eine zentrale Rolle spielt.
Wie backe ich mir eine Weltordnung?
Die Bundeswehr ist Teil internationaler Bündnisse, wie z.B. der NATO und der UNO. 'Der Auftrag der Bundeswehr ist eingebettet in die gesamtstaatliche Vorsorgepflicht für die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger unseres Landes und unseres Wertesystems sowie für die Wahrung unserer Interessen im europäischen und transatlantischen Zusammenhang.' (www.bundeswehr.de) Was diesen untereinander in Beziehung stehenden westlichen Staaten gemein ist, ist das kapitalistische System und die daraus abgeleitete Konkurrenz und Profitstreben. Das bedeutet, dass der Kapitalismus expandieren muss, um neue Absatzmärkte zu erschließen, ebenso, wie er es nicht zulassen kann, dass bereits vorhandene Absatzmärkte schwinden. Der weltweite freie Handel soll gesichert werden, indem 'vitale Interessen', wie z.B. die Kontrolle von Schifffahrtswegen durch Einsätze, geschützt werden. Auch gilt es, nationalen machtpolitischen Einfluss zu stärken. In diesem Sinne sind auch internationale Interventionen, so wie internationale Bündnisse zu verstehen.
Fazit
Es bringt somit augenscheinlich nichts, für den Frieden zu demonstrieren, wenn man keine Kritik am System mit sich bringt. Kriege sind nur eine logische Konsequenz aus nationalen Interessen kapitalistischer Staaten. Die Bundeswehr dient der Durchsetzung dieser kapitalistischen Interessen und der Formierung eines deutschen Staates nach innen und außen.
Gegen das Bombodrom, gegen Kapitalismus und Nationalismus, Bundeswehr abschaffen!!
Daniel Bellert
Eine Region leistet gutbürgerlichen Widerstand
Mit Standort-Argumenten aber hier und dort auch radikal linken Ansätzen wehren sich die Menschen in der Kyritz-Ruppiner Heide gegen die Bombodrom-Pläne der Bundeswehr.
Schauplatz des antimilitaristischen Pfingstcamps, um das es in dieser Zeitung geht, ist das Dörfchen Rägelin, im Nordwesten Brandenburgs. Weit ab vom Schuss? Von wegen! Rägelin liegt am Rande der Kyritz-Ruppiner Heide, und genau in dieser Gegend wird seit zwölf Jahren ein breiter, vielfältiger Widerstand gegen die Bundeswehr geleistet. Die Armee plant nämlich, auf dem 144 Quadratkilometer großen Gebiet einen Bombenabwurfplatz einzurichten, um ihre Kampfpiloten für deutsche Auslandseinsätze trainieren zu lassen. Zu DDR-Zeiten war das Gelände bereits Truppenübungsplatz der Roten Armee. Die Umweltschäden aus dieser Zeit und die extreme Lärmbelastung sind allen EinwohnerInnen noch präsent. Für eine 'Freie Heide' anstatt eines Bombodroms sind darum fast alle.
Maßgeblich getragen wird der Widerstand von der BürgerInnen-Initiative (BI) Freie Heide. Von friedensbewegten Grünen-WählerInnen bis zum CDUler, vom Dorf-Bürgermeister, über Kirchenvertreter bis zu pazifistischen Graswurzel-AnarchistInnen reicht das Spektrum der Menschen, die sich für eine Freie Heide einsetzen. Auf den bisher über 90 Protesten wurden insgesamt rund 200.000 TeilnehmerInnen gezählt, Bombodrom-BefürworterInnen sind kaum zu finden. Dominierend sind realpolitische Standortargumente: Durch den zu erwartenden Fluglärm würde es unmöglich werden, Tourismus in der wirtschaftlich schwachen Region zu etablieren. Die immer weiter zusammenschmelzende Gegenseite argumentiert ' erfolglos -, dass die Ansiedlung der Bundeswehr Arbeitsplätze schaffen könnte. Die BI Freie Heide, 2003 mit der arl-von-Ossietzky-Medaille ausgezeichnet, konzentriert sich ' neben der Organisation von klassisch friedensbewegten Aktionen wie Ostermärschen ' darauf, ihr Anliegen per Gerichtsbeschluss durch zu setzen. Immerhin wird so die Bundeswehr seit über einem Jahrzehnt an der Aufnahme ihrer Mordübungen gehindert. UnterstützerInnen von Auswärts kündigen derweil direkte Aktionen und Platzbesetzungen an, sollte die Armee sich letztlich durchsetzen. Rund zweihundert Übungstage gäbe es jährlich. Die Initiative 'Resist Now' versucht darum, 200 Gruppen zu mobilisieren, die sich je einen dieser Tage heraussuchen und dann den Platz blockieren. So würde mit zivilem Ungehorsam der Übungsbetrieb unmöglich gemacht.
Wo auch immer die Motive der Freie-Heide-AktivistInnen liegen mögen, ihr Engagement liegt faktisch in jedem Falle quer zu den militärischen, außenpolitischen Ambitionen Deutschlands. Denn wer verstärkt bei weltweiten Machtspielchen mitmischen will, der braucht eine gut trainierte Luftwaffe. Die Bundeswehr will darum ihr Bombodrom weiterhin unbedingt durchsetzen, entgegen dem bundesweiten Trend, Standorte zu schließen. Ein adäquates, den neuen Anforderungen entsprechendes Übungsareal gibt es in Deutschland nämlich nicht. Und eine gesunde Portion Autoritätsskepsis hat sich inzwischen bei vielen EinwohnerInnen eingestellt. Für Unmut sorgten etwa die Wahlkampf-Bekundungen vom damaligen SPD-Kanzlerkandidat Rudolf Scharping 1994, der versprach, sich für die 'Freie Heide' einsetzen zu wollen und später als Verteidigungsminister das genaue Gegenteil tat.
Soviel scheint klar: Der Protest gegen das Bombodrom ist nicht per se emanzipatorisch. Selbst die rechte Szene in der nahe gelegenen Neonazi-Hochburg Wittstock wettert (wenn auch isoliert vom tatsächlichen Protestspektrum) gegen den Abwurfplatz. Unterstützen wollen wir den Widerstand gegen die Bundeswehr-Sauereien dennoch. Denn wir sind für eine Freie Heide, in der Hoffnung, einen Beitrag gegen das neue, selbst- und machtbewusste Deutschland zu leisten. Auf dem Pfingstcamp stehen interessante Diskussionen mit AnwohnerInnen an und jede Menge Platz für Aktionen ist auch gegeben. Für unser Entertainment werden wohl oder übel die allpräsenten Bundeswehr-Feldjäger sorgen ' sie bewachen eifrigste das Bombodrom-Areal und sind erfahrungsgemäß für jedes spaßige Katz-und-Maus-Spiel zu haben.
Sven Marone
Die saubere Wehrmacht(sausstellung)
Am 28.3.2004 endete die Ausstellung 'Verbrechen der Wehrmacht ' Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944' oder kurz 'Die Wehrmachtsausstellung'.
Von Linksliberalen wird der Wehrmachtsausstellung zumeist eines zugute gehalten. Sie habe das Wissen, dass die Wehrmacht 'integraler Bestandteil der nazistischen Völkermordmaschinerie'(taz) war, in der öffentlichen Meinung durchgesetzt. Zugegeben, die Ausstellung hat einmal provoziert. Sie war Anlass einer Debatte im Bundestag, eine Unmenge von Artikeln und Texten wurden aus ihrem Anlass produziert, HistorikerInnen aus ganz Europa haben sich vor allem mit methodischen Fragen beschäftigt und in Talkshows wurden Fürsprecher und Kritiker der Ausstellung aufeinander losgelassen.
Dies ist jedoch das zentrale Problem. Geredet wird vor allem über 'die Ausstellung' und allerlei Details, die sie umgeben. Die Debatte verlagert sich auf Nebenschauplätze und bildet ein 'dickes Sicherheitspolster zwischen den Taten der Wehrmacht und der Gegenwart.' (Günther Jacob, 16.02.2004) Ausstellungsbesucher nehmen die Verbrechen der Wehrmacht vor allem als 'eine bedrückende Geschichte schlimmer deutscher Vergangenheit.' (Ostseezeitung) war.
Dabei ist diese Geschichte alles andere als Vergangenheit. Nach wie vor weigert sich Deutschland, beispielsweise Entschädigungen an Opfer von Wehrmachts- und SS-Verbrechen zu zahlen. Auf der juristischen Ebene hat der Bundesgerichtshof erst kürzlich diese Haltung bestätigt. Die Schadensersatzklagen von Angehörigen und Überlebenden eines Massakers in dem griechischen Ort Distomo wurden abgewiesen. Auf der anderen Seite bemüht sich die deutsche Bundesregierung, immer wieder klar zu machen, dass die Verbrechen der deutschen Wehrmacht, die es gegeben habe, mit Geld ohnehin nicht wieder gut zu machen sein. Stattdessen gibt es Versöhnungsfeierlichkeiten und Sonntagsreden.
Opa war in Ordnung
Auch auf der individuellen Ebene hat die Ausstellung vermutlich wenig dazu beigetragen, ein Bewusstsein für die ureigenste Geschichte zu schärfen. Ein Blick ins Gästebuch der Wehrmachtsausstellung offenbart, dass viele Besucher das gezeigte 'ganz schlimm' finden, jedoch sofort betonen, dass 'ihr Großvater' dergleichen nicht gemacht habe. Auf die Idee, dass die Täter über ihre Verbrechen nicht ganz so offen reden, wie über die 'spannenden' Abenteuer, die sie in Griechenland oder 'im Osten' erlebt haben, scheinen die wenigsten zu kommen. Auch die Einsicht, die einem durchaus in der Ausstellung kommen könnte ' nämlich dass die Wehrmacht eben nicht 'nur' an Erschießungen beteiligt war, sondern auf den verschiedensten Ebenen in die nationalsozialistische Massenmordprogramme eingebunden war, scheint haarscharf an vielen Besuchern vorbeigerauscht zu sein. Es waren Wehrmachtssoldaten, die die Infrastruktur bereitgestellt haben. Es waren deutsche Landser, die Transportkapazitäten für die Deportationen bereitstellten. Es waren einfache Soldaten, die Plakate druckten auf denen die Juden aufgefordert wurden, sich auf dem Marktplatz zu sammeln, um sie anschließend zu erschießen. Silberlöffel, Eheringe und Schmuckstücke wurden von den Mitarbeitern der Wehrmachtsdivisionskassen verwaltet. Wie man auf die Idee kommen kann, dass in Griechenland wo auf Geheiß der Wehrmacht 60.000 Juden nach Auschwitz deportiert und gut hunderttausend Menschen im Zuge der so genannten Partisanenbekämpfung ermordet wurden, irgendjemand unbeteiligt geblieben ist, ist rätselhaft.
Wodka und Landserbriefe
Redet man über die Ausstellung, darf man das Begleitprogramm nicht vergessen. In Halle und Peenemünde wurden Briefe von Wehrmachtssoldaten aus Stalingrad vorgelesen. In Halle sogar extra in einem ungeheizten Gebäudeteil. Der Atmosphäre wegen, so der Regisseur. Vorher gab es Wodka ' zur Einstimmung. Eine unerträgliche Mischung aus Klamauk und spielerischer Einnahme der Täterperspektive. Dass es die selben Männer waren, deren Mordtaten man in Ausschnitten im anderen Teil des Hauses betrachten konnte, wird wohl den wenigsten bewusst gewesen sein. Die Wehrmachtsausstellung wird somit zu einem Teil einer deutschen Geschichtserzählung in der es um 'Tragik' geht und vor allem darum, das Leid 'auf beiden Seiten' einmal unvoreingenommen zu betrachten. Deutsche Täterschaft wird im Einzelfall nicht mehr geleugnet, sondern führt meist zu einem 'Ja, aber man muss ja auch mal über die andern reden'. Deshalb gilt es zu stören. Wo immer über die Bombardierung deutscher Städte gejammert, Stalingradkämpfer bemitleidet oder zur Begründung eines Krieges von deutscher Verantwortung aus der Geschichte schwadroniert wird. Mit Nietzsche gesagt: 'Nur was nicht aufhört weh zu tun, bleibt in Erinnerung.' Ob insbesondere die überarbeitete, zweite Wehrmachtsausstellung dies geleistet hat, ist mehr als fragwürdig.
Stefan Gerbing & Juana Remus
Stars without Stripes
Die Europäische Armee auf dem Vormarsch
Vor einem Jahr, am 12. Juni 2003, begann die erste Intervention der so genannten 'schnellen Eingreiftruppe' der Europäischen Union. Für den Einsatz 'Artemis' entsandte die EU unter französischer Führung 1400 Mann in den Kongo ' auf Anfrage der Vereinten Nationen und ohne Beteiligung der NATO. Mit diesem Einsatz unterstrich die EU ihre Ambition, vermehrt weltpolitisches Profil zu zeigen.
Damit war ein Zwischenziel deutscher Außen- und Sicherheitspolitik erreicht. Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte bereits 2001 in einer Regierungserklärung angekündigt, dass die 'Etappe deutscher Nachkriegspolitik', in der deutsche Militäreinsätze einer Begrenzung unterlagen, nun zu Ende sei. Jetzt beginne ein 'neues Selbstverständnis deutscher Außenpolitik', sagte er. Dieses neue Selbstverständnis lässt sich praktisch nur über die EU verwirklichen ' ein deutscher Alleingang ist nach den Erfahrungen mit Nazi-Deutschland unmöglich geworden.
Schon 1998 hatten der französische Staatspräsident Jacques Chirac und Großbritanniens Premier Tony Blair eine 'Erklärung über die Europäische Verteidigung' verabschiedet, in der sie forderten, dass die EU in der Lage sein müsse, 'ihre Rolle auf der internationalen Bühne voll und ganz zu spielen'. Während es London wohl um eine europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik ging, die der transatlantischen Stabilisierung dient, verfolgte Paris andere Ziele ' die sicherheitspolitische Emanzipation Europas von den USA und die Einschränkung der amerikanischen Supermacht. Eine Position, die auch die 'Berliner Republik' seit dem Regierungswechsel 1998 zunehmend laut vertritt.
Während des Kosovo-Krieges 1999 wurde der EU noch einmal deutlich bewusst, wie sehr sie den USA militärisch ' und somit letztlich auch machtpolitisch ' unterlegen war. Der europäische Versuch, die blutigen Auseinandersetzungen auf dem Balkan diplomatisch zu stoppen, war kein Erfolg. Es bedurfte der NATO und vor allem der Entschlossenheit der USA, um zu handeln.
Dies sollte sich ändern. Beim Gipfel von Helsinki im Dezember desselben Jahres verpflichteten sich die europäischen Mitgliedsstaaten, die EU in die Lage zu versetzen, innerhalb kurzer Zeit eine eigenständige Eingreiftruppe von bis zu 60.000 Soldaten in ein Krisengebiet entsenden zu können. Deutschland will beinahe ein Drittel der gesamten Truppe stellen.
Der Ausbruch des Irak-Krieges machte jedoch auch unterschiedliche europäische Interessen und die innere Zerrissenheit des Bündnisses deutlich. Großbritannien stand den USA sowohl in Afghanistan wie auch im Irak zur Seite. Die von Kanzler Schröder nach dem 11. September 2001 verkündete 'uneingeschränkte Solidarität' stieß dagegen schon bald an ihre Grenzen. Deutschland kritisierte das amerikanische Vorgehen im Irak und verweigerte Unterstützung. Es fand ein verstärkter Schulterschluss mit Frankreich statt. Kerneuropa versuchte, sich als Friedensmacht zu präsentieren und damit gegenüber den USA Eigenständigkeit zu demonstrieren.
Dass es bei der deutsch-französischen Außenpolitik weniger um Frieden als um Macht geht, lässt die Arbeit des größten europäischen think tanks für Außenpolitik, der Berliner Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP) erkennen. Dort diskutiert man Optionen der 'Ablösung der großen Führungsmacht USA durch eine oder wenige mittlere Führungsmächte'. Eine zentrale Frage sei, so der SWP-Mitarbeiter Peter Schmidt, ob Kerneuropa uns auf Augenhöhe mit den USA bringe. Dies ist zumindest in militärischer
Hinsicht noch nicht absehbar. Doch mit der Formierung einer europäischen Armee ist ein Grundstein für dieses langfristige Ziel gelegt worden.
Judith Csaba
Scheiß Typen, Scheiß Haus.
Das Gelöbnis, der Bendlerblock oder 60 Jahre Stauffenberg-Attentat:
Die Bundeswehr will sich mit historischen Bezügen bei Gelöbnissen in eine demokratische Tradition stellen.
Seit 1999 führt die Bundeswehr zu Ehren der 'Männer des 20. Juli' ihre Gelöbnisse am Bendlerblock in Berlin Tiergarten durch. Nach eigenen Angaben stellt sich die Bundeswehr damit in das Vermächtnis des militärischen Widerstandes gegen Hitler.
Zwar gab es am 20. Juli 1944 wirklich ein Attentat auf Hitler, welches bedauerlicherweise scheiterte, die Attentäter und Mitverschwörer wurden kurze Zeit später verhaftet und viele von ihnen hingerichtet. Doch sollte mensch noch einige Dinge über die Menschen und den Ort wissen, bevor er/sie diese Männer zu Helden erhebt: Wer denkt, dass 'die Männer des 20. Juli' Hitler wegen ihrer humanistischen Einstellung oder ihrer pazifistischen und demokratischen Haltung ermorden wollten, irrt. Tatsächlich waren viele von ihnen an Kriegsverbrechen und Massenmorden mit beteiligt, wie z.B. Henning von Treskow oder General Carl-Heinrich von Stülpnagel. Von Treskow unterstützte Vorschläge eines Untergebenen, nach denen in bestimmten Gebieten im Rahmen der so genannten Partisanenbekämpfung einzeln oder in kleinen Trupps herumgehende Männer sofort erschossen oder gefangen genommen werden sollten. Stauffenberg wiederum begrüßte den 'Ost-Feldzug.' Nach dem Umsturz des Hitlerregimes wollten sie eine Diktatur schaffen, in der sie selbst und ihre MitstreiterInnen höhere Positionen innehatten. Die meisten dieser Menschen waren also nicht, wie es so oft in Filmen und Büchern über sie steht, aus ideologischen Gründen gegen Hitler. Vielmehr war der größte Teil von ihnen nationalsozialistisch eingestellt, sah aber, dass die Art Hitlers Krieg zu führen, nicht zum 'Endsieg' führen würde.
Auch die Geschichte des Bendlerblocks, von dem aus seit 1990 die Bundeswehreinsätze vorbereitet und entschieden werden und wo heute jährlich öffentliche Gelöbnisse stattfinden, ist äußerst interessant:
Im Jahre 1914 zog das Reichsmarineamt unter der Führung des Admiral Tibitz, der im Ersten Weltkrieg den uneingeschränkten U-Boot Krieg forderte, in das gerade errichtete Gebäude. Nach der Beendigung des Ersten Weltkriegs war das Reichswehrministerium in dem Gebäude untergebracht. Von hier aus organisierte der Reichswehrminister Noske die Niederschlagung der Novemberrevolution im Jahre 1918 sowie des Spartakusaufstandes 1919. Ab 1925 wurde unter General Seekt hier der Ausbau der Reichswehr zu einer Kriegsarmee, entgegen den Vorschriften des Versailler Vertrages, vorbereitet.1933 weihte Hitler die Reichswehr in seine Pläne ein, eine Deutsche Großmacht zu schaffen. Das Oberkommando der Wehrmacht zog in den Bendlerblock ein. Zur Zeit der Bonner Republik war Berlin entmilitarisierte Zone. Ausnahmsweise war zu dieser Zeit deshalb kein kriegsbestimmendes Amt in diesem Gebäude. Zwei Jahre nach der Wende zog die Bundeswehrleitung schließlich in den Bendlerblock.
Wie mensch sieht, symbolisierte dieser Ort Zeit seines Existierens Aufrüstung, Planung und Durchführung von Kriegen.
Wen oder was ehrt eigentlich die Bundesregierung am 20. Juli?
Die Menschen, die zwar ein missglücktes Attentat auf Hitler ausübten, aber trotzdem nationalistisch und diktatorisch waren, oder den Ort, von wo aus seit jeher nur kriegerische Aggressionen zu vermerken sind? Die Bundeswehr lässt Massenmörder zu Helden aufsteigen, führt an einem Ort, der Symbol für Krieg und Vernichtung ist, Gelöbnisse durch und macht damit auch noch Werbung.Bei der Vergangenheit des Ortes ist die Zukunft eigentlich klar.
Sophie Nix
Braune Militärkultur
Von Reinhard Günzel und anderen 'Einzelfällen'.
Im November 2003 sorgte der Kommandeur der Elitegruppe 'Kommando Spezialkräfte' (KSK) der Bundeswehr Reinhard Günzel für Aufregung. Günzel hatte in einem Schreiben die antisemitische Rede von Martin Hohmann am 3. Oktober 2003 zustimmend gelobt. Der schon zuvor durch rechtsradikale Vorfälle in seiner Truppe auffällig gewordene General ermutigteden CDU-Politiker sogar, seinen Kurs gegen 'das jüdische Tätervolk' bei zu behalten.
Verteidigungsminister Peter Struck entließ das 'schwarze Schaf' umgehend aus dem militärischen Dienst. Der Kommandeur sei 'verwirrt'
und Antisemitismus in der Bundeswehr nur ein 'Einzelfall'. Helmuth Prieß, der Sprecher des Darmstädter Signals, eines Zusammenschlusses kritischer Soldaten, beurteilte den Vorfall jedoch anders: 'Wer wie Günzel über 30 Jahre Offizier der Bundeswehr war, der hat nicht die ganze Zeit Kreide gefressen, der hat seinen geistigen Hintergrund auch im Dienst zum Ausdruck gebracht. Und mit seiner Meinung ist er offensichtlich nicht angeeckt.'
In den letzten Jahren gab es immer wieder Fälle von rechtsradikalen Gewalttaten von Bundeswehrsoldaten und im Januar 1995 wurde sogar der bekannteNeonazi Manfred Roeder an die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg eingeladen.
Hinter diesen 'Einzelfällen' verbirgt sich jedoch nur die Spitze des Eisberges einer rechtsradikalen Militärkultur, die seit eh und je in der Bundeswehr blüht und gedeiht. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Soldaten überwiegend zum national-konservativ denkenden Teil der Gesellschaft gehören. Rechts gesinnte Männer fühlen sich von Werten wie Ordnung, Pünktlichkeit und Disziplin angezogen und zeichnen sich durch ihre hohe Akzeptanz hierarchischer Führungsstrukturen aus. Bei Beförderungen werden diejenigen bevorzugt, die sich perfekt in die militärische Struktur eingliedern und dem eigenen Denken, der Kreativität und Individualität abgeschworen haben. Der unkritische Rückgriff auf Symbole der Wehrmacht, das Leugnen der Mittäterschaft von Wehrmachtssoldaten und das regelmäßige Feiern dieser als Helden geben rechtsradikalen Strukturen zusätzlich Aufwind. Andererseits führen Kameradentreue, das Soldatengesetz, welches die Zurückhaltung bei politischen Äußerungen vorschreibt, und das Wissen um die Wahrung des Rufs der Bundeswehr dazu, dass wenig Vorfälle gemeldet werden und militärische Eliten den Mund halten.
Neben dem rechtsradikalen Gedankengut innerhalb der Bundeswehr entwickelt sich seit einigen Jahren ein 'Kämpferethos', der durch die Umwandlung in eine international kämpfende Interventionsarmee bestärkt wurde. Die politische Bildung tritt in der Ausbildung der Soldaten hinter Techniklehre und Kampfeinsatzübungen klar zurück.
In der Bundeswehr gedeiht ein Milieu, das durch die autoritäre Militärkultur, den verstärkten Traditionalismus und die ohnehin rechtslastigen Jugendlichen, die in die Bundeswehr drängen, entsteht und sich zu einem gefährlichen Pulverfass in den deutschen Kasernen aber auch in den Truppen in Afghanistan, Kosovo und an anderen Standorten entwickelt. Durch politische Bildung und das Palavern vom demokratieliebenden 'Bürger in Uniform' ist dieser Entwicklung kaum beizukommen, denn immer dort, wo Autorität, Disziplin und Nationalismus beschworen werden, muss man sich über Rechtsradikalismus nicht wundern.
Rebekka Streck
Der Bundeswehr.
Die Kaserne ist ein Ort, an dem Männer permanent ihre Männ-lichkeit unter Beweis stellen müssen und wollen ' und dies geschieht vor allem durch die Abwertung von Weiblichkeit. Aber unterscheiden sich denn die Geschlechter-bilder in der deutschen Männertruppe über-haupt von denen in der Gesellschaft? Und welche Auswirkungen wird die Öffnung der Bundeswehr für Frauen auf sie haben?
Als die Wehrpflicht am Ende des 19. Jahrhunderts eingeführt wurde, entstand das Ideal des patriotischen, aggressiven, mächtigen, männerbündlerischen Soldaten, das eine wesentliche Rolle für die Mobilisierung deutscher Kriegsbereitschaft gegen Napoleon spielte. Die Soldaten galten seitdem mal mehr (wie zur NS-Zeit) und mal weniger als die Helden, die todesmutig mit Waffe und Muskelkraft ihr Land verteidigten.
Trotz der bisherigen Abwesenheit von Frauen wurde und wird dabei ein ganz konkretes Frauenbild (mit-)produziert ' sie sind das genaue Gegenteil eines fähigen und somit männlichen Soldaten: weich, schwach und friedfertig anstatt stark, hart und kampfbereit.
Wer nicht kriegerisch genug ist gilt damit als 'weibisch'. Und weil das natürlich kein Soldat will, beweisen alle ihre Männlichkeit durch besondere Stärke. Frauenfeindliches Abgrenzen von Weiblichkeit soll zeigen: 'Guckt alle her, ich find Frauen scheiße, also kann ich ja keine sein!'. Gemeinschaftliches Pornogucken, die Bezeichnungen der Waffe als 'die Braut des Soldaten', des schikanierenden Befehlshabers als 'Ficker', der Soldatenfreundin als 'Matratze' usw. usf. sind Indizien dafür, dass Frauen als minderwertige Objekte gesehen werden. Dies ist zwar im Rest der Gesellschaft auch so - jedoch sind Männer in der Kaserne erstens (fast) unter sich. Das führt einerseits zu einem viel stärkeren Konkurrenzdruck untereinander und andererseits dazu, dass sie hier ihre sexistischen Vorstellungen unverblümt äußern und bestätigen lassen können, ohne dass sich Frauen wehren werden oder überhaupt können. Zweitens liegt es im Wesen des Militärs, dass hier besondere Härte, Stärke und somit besondere Männlichkeit gefordert werden ' und diese müssen die Soldaten dann halt auch in besonderer Weise erfüllen.
Und was bedeutet dies nun für die Öffnung der Bundeswehr für Frauen? Es bedeutet nicht, dass die Vorstellungen von der friedfertigen Natur der Frau oder der aggressiven Natur des Mannes abgeschwächt werden ' Frauen in der Bundeswehr erzwingen noch lange nicht die Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Rollenbildern, sondern bestätigen diese in einem gewissen Rahmen. Es wird ganz bewusst dafür gesorgt, dass das Geschlecht der Soldatin weiterhin eindeutig erkennbar bleibt - ob durch modisch taillierte Uniformen, erotisierende Posen oder lange Haare. So gehört zur Bundeswehr-Uniform einer Frau ein kurzer Rock, sie dürfen dezenten Schmuck tragen und müssen sich nicht die Haare abschneiden lassen. Der radikale Haarerlass ist bei Soldatinnen sowieso nicht gern gesehen, weil es so 'unweiblich' ist. So bleiben Frauen etwas abweichendes, besonderes in der Bundeswehr. Es ist außerdem zu erwarten, dass sowieso nur höchstens zehn Prozent aller SoldatInnen einmal weiblich sein werden. Das beweisen die Zahlen aus der US-Army oder der Israel Defense Force.
Wer sich also aus antimilitaristischer Perspektive heraus gegen die Bundeswehr positioniert, der sollte auch die gesellschaftlichen Männlichkeitsbilder angreifen!
kotzekuh
E-card nach Stalingrad
Über die Imagepflege der Bundeswehr.
Wenn Freunde eine e-card schicken, gucken dort meistens etwas dumm grinsende Figuren vom Desktop. Die Sprechblase sagt: 'E-card für Dich'. Bei den e-cards der Bundeswehr ist das ähnlich, nur hier rollt ein dumm grinsender Soldat im Kampfanzug mit Skateboard einen Berg herunter und salutiert. Der Rest ist wie sonst auch: bunt und hip. Mit den e-cards können getreue Deutsche digitale Seeflotten, Panzer und Soldaten im Einsatz in alle Welt schicken, so wie es Rot/Grün praktisch vormacht. Die Bundeswehr bedient sich mittlerweile Werbestrategien, die mensch bis vor kurzer Zeit nur von privaten Unternehmen kannte.
Das Image zählt...
Die Erkenntnis, dass ein jung-frisch-innovatives Image auch staatlichen Institutionen nutzbringend sein kann, macht die große Runde. Während die Bundesagentur für Arbeit, PR-Kampagnen im Wert von mehreren Millionen Euro fährt, arbeitet auch die Bundeswehr an einer Selbstdarstellung, die auf den ersten Blick nur wenig mit traditionell militaristischen Werten, wie 'Ordnung, Disziplin und Vaterland' zu tun hat. So hält die Bundeswehr auch eine eigene Jugendseite bereit. 'Militärische Ausbildung' ist dort nur einer von vielen Unterpunkten. Es werden auch zwei Wettbewerbe namens 'Bundeswehr im Blick' und 'Kreativ für Toleranz' beworben, um tolle Fotos und Artikel über die Bundeswehr zu sammeln und auszuzeichnen. Weiterhin ist der eigentliche Jugendserver (Achtung Monsterwortspiel)
creative killing
Hätte die Bundeswehr nicht eine professionelle Werbeagentur beauftragt, könnte fast der Eindruck entstehen, die Bundeswehr würde sich mit Popkulturtheorien beschäftigen. Der Plan Jugendliche dort abzuholen, wo sie gerade sind, um sie dann erst ans eigene, militärische Thema heranzuführen, wird konsequent umgesetzt. Nicht mehr traditionelle Werte sind der Ansatzpunkt um vor allem Jugendliche für den Dienst im Heer zu begeistern, sondern vielmehr das Interesse an Technik und dem Bereisen fremder Länder. Das Ganze klingt nach 'Jugend forscht' mit Schüleraustausch, doch heißt real Bomben vom Balkan bis zum Hindukusch.
Die Bundeswehr will durch das Beschwören neuer Offenheit auch eine breitere Verankerung in der Bevölkerung abseits der Wehrpflicht erreichen. Denn wenn die Bundeswehr mit ihrem militärischen Drill jetzt auch noch kreativ ist und sich für Toleranz einsetzt, sind die Zeiten in denen das Militär als eigenbrötlerisch und potentiell gefährlich für eine Demokratie betrachtet wurde, anscheinend endgültig vorbei.
Abiball auf dem Kasernenhof
Die Absicht sowie die Motivation sind ziemlich klar. Die Zahlen der Kriegsdienstverweigerer sowie Totalverweigerer sind seit Jahren konstant steigend. Obwohl die Akzeptanz der Bundeswehr eher zunimmt, muss auch die Bundeswehr mittlerweile um Spitzenkräfte werben wie jedes privatwirtschaftliche Unternehmen. Deshalb ist der vollzogene Imagewechsel gezielt abgestimmt auf die Anforderungen an künftige Soldaten, - z.B. die Fähigkeit mit komplexer werdender Technik umgehen zu können oder in mindestens einer weiteren Fremdsprache bei Auslandseinsätzen sattelfest zu sein.
Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass Teile der Bundeswehr in eine zukünftige europäische Armee eingegliedert werden und die Verteidigungspolitischen Richtlinien eine Spezialisierung der militärischen Fähigkeiten vorgeben, während die Wehrpflicht wohl auf absehbare Zeit wegfallen wird, ist nun auch das Militär darauf aus gut gebildete, aufstrebende Abiturienten, also junge Männer zu rekrutieren, die die genannten Qualifikationen besitzen. Trotz allem: Die Bundeswehr ist kein hipper Jugendclub, kein Übungsplatz für Hobbybastler oder Spielplatz für Toleranz-und Demokratieprojekte. Sie funktioniert über Pflicht und Gehorsam, tötet im Zweifelsfall und steht in der Tradition der Wehrmacht. Daran wird sich nichts ändern, solange sie existiert.
Wer noch Fragen hat, kann sich auf genannter Homepage direkt an den Obergefreiten Alexander wenden. Doch Vorsicht, zur Begrüßung stellt er gleich klar: 'Am besten kann ich dich verstehen, wenn du deine Fragen in einem kurzen und vollständigen Satz formulierst.'
Zu Befehl.
rc