Lehr mir wo ick hinjehöre

Flugblatt zu Rassismus in Schulbüchern
August 2003
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Lehr mir wo ick hinjehöre
'Schule ist Bildung ' Bildung ist Aufklärung'.
Das dem nicht so ist, wird bei einem Blick in unsere Schulbücher schnell klar, denn Aufklärung bedeutet auch Erziehung zum kritischen Denken. Schulbücher sind da eine gute Übung, nicht im Guten, weil sie kritisches Bewusstsein vermitteln würden, sondern weil sie man sie sehr kritisch lesen muss. Schließlich sind unsere Schulbücher ein Spiegel unserer Gesellschaft und folglich voll von rassistischen Vorurteilen und Sichtweisen - Es steht zwar nirgendwo 'Ausländer raus' geschrieben, doch gerade die Untergründigkeit der rassistischen Klischees erfordert den eigenen kritischen Umgang mit dem Lehrstoff: In Geographiebüchern

werden Menschen ihrem Aussehen zufolge bestimmten Kontinenten zugeordnet, in Englisch die Errungenschaften US-amerikanischer Grenzabschottungung kritisch besprochen, in politischer Bildung zum Thema 'Abschiebung kriminell gewordener AusländerInnen' die Positionen von CDU und Polizei, jedoch nicht von einer Menschenrechtsorganisation oder gar den Betroffenen wiedergegeben. Im Geschichtsunterricht werden teilweise immer noch antisemitische Vorurteile wiedergegeben, Europa als Retter afrikanischer Geschichte behandelt, in Biologie der 'natürliche' Drang zur Hierarchie beschrieben und Heterosexualität als Grundprinzip der Evolution idealisiert, was die 'unnatürliche Abartigkeit' von Homosexualität impliziert. In Sport wird, was inzwischen widerlegt ist, erklärt weshalb Frauen nicht so leistungsfähig sind und in mathematischen Sachaufgaben sind es die Muttis die beim Einkaufen von 3 Orangen und 4 Äpfeln dargestellt werden.

Afrika ' europäisch aufgefrischte Urwaldromantik
Im Geschichtsunterricht stechen 2 Aspekte hervor: die extrem verkürzte Behandlung außereuropäischer Geschichte und die romantisierend, bildliche Darstellung der 'Abenteuer' des Kolonialismus. Im Lehrplan beginnt außereuropäische Geschichte erst mit den Anfängen des Kolonialismus, bzw. mit der Entdeckung Amerikas. Zivilisierte EuropäerInnen erschließen neues, rohstoffreiches Land, bringen Reichtum sowie allerlei zivilisatorische Errungenschaften und verhelfen der ganzen Welt zum Sprung in ein modernes Zeitalter. Das ist die übliche Version. Nicht oder nur nebenbei behandelt werden die Installationen diktatorischer Marionettenregime, die Versklavung von Millionen und die Vertreibung mindestens ebenso vieler aus ihrer Heimat. Den Eindruck, daß das der Dummheit der Afrikaner zuzuschreiben ist, wird man nicht los. Doch was ist das schon im Tausch gegen moderne Medizin und den Bau von Eisenbahnen? Die Frage nach den positiven Auswirkungen des Imperialismus wird leider immer noch gestellt. Das relativiert die grausamen Verbrechen der Kolonialmächte, beschreibt den europäischen Imperialismus letztendlich doch als geschichtlich notwendigen Glücksfall und suggeriert zudem, Afrika besäße keine eigene Geschichte vor dem 18. Jh. - zumindest keine Nennenswerte.

Als ob das nicht reiche, wird es oft durch Bilder und Fotos hintersetzt, die die heutigen vom Kolonialismus geprägten Zustände in einer romatisierenden Urwaldidylle darstellen. Halbnackte Frauen, schleppen dickbäuchige Kinder zum nächsten Wasserloch, martialisch wirkende Männer tanzen Regentänze ums Lagerfeuer zu auf Buschtrommeln gespielten Urwaldrhythmen. Ein Urlaubsfoto ist das immer wert 'Städte wie Johannesburg gibtís ja auch in Europa. Zum Fotogra?eren muß man ihnen auch nicht zu nahe kommen ' jedeR fünfte hat ja AIDS.

Judentum
In Bezug auf Antisemitismus hat sich in den letzten 50 Jahren einiges verändert. Antisemitische Klischees werden weniger und nicht mehr so offen reproduziert. Trotz alledem halten sich ein paar immer noch aufrecht und sind manchmal sogar gut gemeint. Juden tragen lange Bärte und geflochtene Kotletten, sind manchmal durch gelbe Sterne und Hüte gekennzeichnet, immer reiche Leute, gut im Feilschen und Handeln, und somit eine finanzielle Bereicherung. Deswegen war der sich auf sie entladende Hass der Normalbevölkerung' nicht immer grundlos.

SchülerInnen lesen im Geschichtsunterricht:
"In zahlreichen deutschen Ländern vertrieben
die Landesherren im Spätmittelalter die Juden, die
größtenteils nach Polen auswanderten."
(Unsere Geschichte, Diesterweg)

Durch diese Darstellungen werden nicht nur geschichtliche Fakten vorenthalten, sondern sogar verfälscht. Wenn von Vertreibung und Auswanderung die Rede ist werden ganz offensichtlich die vielen Pogrome an Menschen jüdischen Glaubens im Mittelalter verharmlost.

An anderer Stelle im gleichen Lehrbuch heißt es: 'Die Juden in den Städten führten ein Eigenleben,
ihr Glaube trennte sie von den Christen.' Zum Einen lassen mehrere Bücher die Gründe für die Außenseiterrolle der Juden außer Acht ' repressive Sondergesetze, Antisemitismus, etc. ', zum anderen wird jüdische Geschichte oftmals sehr verkürzt dargestellt. Die jüdische Geschichte geprägt von Verfolgung, jedoch darf man sie nicht darauf reduzieren. Genauso wie bei der Darstellung Afrikas konstruiert das das Bild vom passiven, unselbständigen Volk, deren Geschichte ganz allein aus der Verfolgung als unzivilisierte Außenseiter besteht. Es ist wichtig den historischen und heutigen Antisemitismus zu behandeln, darauf beschränken sollte man das Thema 'Geschichte des Judentums' nicht.

Mutti bleibt Mutti bleibt Mutti
Sie ist sportlich unbegabt, eigentlich unfähig und kümmert sich deshalb um die Sachen die ihr liegen: Haushalt, Kinder und alles was dazu gehört. Die Ausnahme wird schnell als 'Starke Frau' bezeichnet, die es geschafft hat, ihr Unvermögen durch antrainierte Härte zu ersetzen und sich somit durchzuschlagen. Dieses Bild ist leider nicht so alt, wie es zuerst erscheint ' Schulbücher lehren uns das, wenn auch indirekt. Im Sportunterricht wird erläutert, weshalb die Leistungskurve von Mädchen in der Pubertät nicht so steil nach oben geht wie die ihrer männlichen Klassenkameraden, in Biologie diese These gleich 'fachkundig' hinterlegt. Die Sachaufgaben unserer Mathematikbücher behandeln nur zu 3% Frauen als Protagonisten, dann aber auch gleich mit dem passenden Klischee. Sie geht Gemüse einkaufen, während er hart arbeitet.

Mein Schulbuch ist Nazi
Schulbücher sind leider nur ein anderes Mittel gesellschaftliche Realitäten und vorherrschende Sichtweisen weiterzugeben, was z.B. im Beutelsperger Konsens festgehalten ist, der besagt, dass Schulbücher immer die gesellschaftlich vorherrschende Meinung wiedergeben sollten.. Natürlich nimmt diese Tatsache den Unterrichtsmaterialien ihren progressiven, aufklärerischen Inhalt und trägt zur gesellschaftlichen Stagnation bei. Deswegen müßte die einzig richtige Forderung an dieser Stelle eigentlich 'sofortige Überarbeitung aller Bücher' heißen, doch selbst solch eine Überarbeitung würde nur fraglich Fortschritte bringen, da die ÜberarbeiterInnen aus den selben Büchern gelernt haben und zumeist auch nicht weniger rassistisch sind.

Deshalb fordern JungdemokratInnen/ Junge Linke neben der sofortigen Überarbeitung aller Schulbücher, dem Rückzug aller Bücher mit rassistischem Inhalt und der Überarbeitung der Lehrpläne vor allem Dich auf, kritisch zu lesen und den Unterrichtsstoff ebenso kritisch zu reflektieren.