Müssen Schülis immer Mädchen oder Jungen sein?

Flugblatt zu Geschlecht und Schule (April 2002)

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Warum müssen Schülis eigentlich immer Mädchen oder Jungen sein?
Man nehme die von Rollenklischees geprägten Mädchen und Jungen und stecke sie in ein Klassenzimmer ' das Rezept 'Koedukation' der 68er.
Und heraus kommt der Gleichstellungs-Kuchen? Nee, Pustekuchen! Glaubt man kritischen Studien, so haben sich die StudentInnen der 68er das ganze ein wenig zu einfach vorgestellt...

Ende der sechziger Jahre war es nämlich soweit: endlich durften Mädchen und Jungen gemeinsam die Schulbank drücken. Ziel der StudentInnenbewegung war es damals beiden Geschlechtern dieselbe Bildung und damit auch dieselben Chancen auf Studienplätze, Ausbildungs- und Arbeitsplätze zu ermöglichen. Doch gerade in letzter Zeit wird in den Bildungsministerien der Länder wieder über ihre Effektivität in Hinsicht auf den Abbau von Rollenmustern diskutiert. Ergebnis ist oft, dass Klassen, vor allem in naturwissenschaftlichen Fächern, wieder in geschlechtshomogenen Gruppen unterrichtet werden. Hat die Koedukation also gar nicht das gebracht was sie bringen sollte? Ist die heutige Gesellschaft gar nicht weit weg von Rollenklischees und Ungleichbehandlung?

Die soziale Konstruktion des Geschlechts
Die Grundlage der Verschiedenheit der Geschlechter liegt in der historisch nachvollziehbaren geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. Während der Industrialisierung entstand die typische Kleinfamilie: Vater, Mutter, Kind. Der Mann wurde zum Ernährer der Familie, die Frau hütete Haus und Kinder. Schon damals wurden Hausarbeit und Kindererziehung als minderwertig, da finanziell nicht entlohnt, betrachtet, was zwangsläufig zur Hierarchisierung der Geschlechter führte. Folglich ist das soziale Geschlecht, welches aus dem biologischen konstruiert wurde, also Produkt eines sozialen Prozesses, es ist nicht biologisch determinert (wie gern von konservativen Kräften behauptet wird) und somit auch veränderbar. Auch die Koedukation kann, richtig praktiziert, ihren Beitrag zum Aufbruch von Rollenklischees leisten. Und die heutigen Rollenklischees sehen nicht viel anders aus als noch vor einiger Zeit.

Geschichte der Koedukation

Bevor in Preußen 1717 damit begonnen wurde die Allgemeine Schulpflicht einzuführen, existierte, bis auf einige zur 'Weiblichkeit erziehende' Mädchenschulen, keine Frauenbildung. Da die jungen Frauen im späteren Leben lediglich für die Kindererziehung und häusliche Pflichten vorgesehen waren, wurde es nicht für nötig erachtet sie in anderen Dingen zu bilden. Erst im 18. Jahrhundert wurden Jungen und Mädchen gemeinsam elementare Dinge wie Rechnen, Schreiben und Lesen beigebracht. Dies hatte jedoch vor allem ökonomische Gründe, da sich sonst die Einrichtung von Schulen, vor allem im ländlichen Raum, kaum gelohnt hätte. Nach der Elementarbildung splittete sich das Bildungssystem geschlechtsspezifisch auf: Die Bourgeoisie schickte ihre Töchter auf höhere Mädchenschulen, in denen typisch 'weibliche' Fächer, wie Französisch, Handarbeit, Anstandsregeln, gepflegte Konversation etc., gelehrt wurden, sodass die Mädchen ihren Männern auch 'gute Ehefrauen' wurden. Ansonsten genossen Mädchen keine weiterführende Bildung, während Männer die Möglichkeit hatten an Universitäten zu studieren. Im Jahre 1908, also etwa zweihundert Jahre später, wurden an den Mädchenschulen naturwissenschaftliche Fächer und Mathe eingeführt und den Frauen ebenfalls der Zugang zu den Universitäten ermöglicht. Während des Nationalsozialismus entwickelte sich wieder ein geschlechtsspezifischer Lehrplan, nach dem Frauen zu guten Müttern und Hausfrauen und Männer zu Kämpfern erzogen wurden. Und schließlich in den Sechzigern hielt die Koedukation in den deutschen Schulen Einzug. Die Träger (es waren meist Männer...) der StudentInnenbewegung meinten durch gleiche Bildung und gleiche Zugangschancen zu Unis und Arbeitsmarkt endlich die heißersehnte Gleichstellung der Geschlechter und die Abschaffung der Rollenklischees zu erreichen.

Heute - Formale Gleichheit und diskrete Diskriminierung
'Normale' Jungen sind auch heute noch intelligent, lebhaft, vorlaut, unordentlich und stark. Von Mädchen erwartet man dagegen, dass sie angepasst, ruhig, fleißig, ordentlich und schwach sind. Das Koeduaktionskonzept, welches diese Vorurteile ja ausräumen sollte, ist leider nur zu einem formalen Akt geworden ' und genau dadurch kann sich die bestehende Geschlechterhierarchie ungehindert, zwar nicht mehr offenkundig, aber informell (also nicht offensichtlich ' und deshalb noch weniger angreifbar) in der koedukativen Schule reproduzieren und Mädchen wie Jungen Rollenzuschreibungen einprägen. Welche Faktoren bei dieser Reproduktion welche Rolle spielen soll nachfolgend betrachtet werden.

'adults as idols'
LehrerInnen sind natürlich (oder besser: leider) genauso wenig frei von gesellschaftliche Einflüssen, also auch von Rollenklischees, wie ihre SchülerInnen. So spielen LehrerInnen bei der Reproduktion von Geschlechterhierarchien und 'stereotypen in der Schule eine entscheidende Rolle.
Das leben sie den SchülerInnen auch (unbewußt) in der Schule vor. Diesbezüglich kann eine Statistik angebracht werden, die zeigt, dass etwa achtzig Prozent der Lehrkräfte in der Grundschule weiblich sind, aber nur siebzehn Prozent der Schulleitungen Frauen inne haben. Betrachtet man weitere Statistiken hinsichtlich der Sekundärschulen so läßt sich eine fast pyramidenförmige Verteilung der Frauen auf die hierarchische Schulorganisation erkennen. Die meisten arbeiten auf unterster Ebene, also als Grundschullehrerinnen, die wenigsten sind Schulleiterinnen an Gymnasien oder gar Schulrätinnen. So sehen sich SchülerInnen durch diese Geschlechterverhältnisse in ihrer unmittelbaren Umgebung natürlich in ihren Rollenzuschreibungen bestätigt. Und Lehrerinnen bestätigen diese auch oft genug selbst, indem sie damit drohen 'zum (männlichen) Direktor zu gehen' oder indem sie auch gern für ihn den Kaffee kochen.
Wie schon gesagt, sind LehrerInnen ebenfalls nicht frei von Rollenklischees. Wem kommen denn Sätze wie 'Nun sei doch leise, du bist schließlich ein Mädchen' oder 'Weine nicht, du willst doch später mal ein richtiger Mann werden, oder?' nicht bekannt vor? Die geschlechtsspezifischen Erwartungsbilder der LehrerInnen werden natürlich auf die SchülerInnen projiziert. Studien konnten zeigen, dass Jungen von den LehrerInnen ungefähr zwei Drittel, Mädchen nur zirka ein Drittel der Aufmerksamkeit geschenkt bekommen. Jungen werden viel häufiger zur Disziplin ermahnt, getadelt, aber auch viel häufiger gelobt. Dadurch haben sie nicht nur viel mehr Kontakt zu den LehrerInnen sondern erhalten für ihre Leistungen, ob positiv oder negativ, viel mehr Feedback. Und dieses ist natürlich auch geschlechtsspezifisch geprägt: Jungen werden entsprechend der Rollenbeschreibungen für fähig aber faul, Mädchen dagegen für unfähig aber fleißig gehalten. Das wirkt sich dann auf die Erklärung von Erfolg und Mißerfolg aus: Männlicher Erfolg wird von den LehrerInnen auf Intelligenz, Kreativität und so weiter, also auf Kompetenz, zurückgeführt, ihr Mißerfolg auf Faulheit oder mangelnde Motivation. Bei den Mädchen ist es anders: Erfolg gilt bei ihnen als Ergebnis von Fleiß und Ordnung, Mißerfolg als Resultat ihrer Inkompetenz. Daraus ergeben sich fatale Folgen für die Entwicklung des Selbstvertrauens der SchülerInnen, die in vielen empirischen Studien bewiesen werden konnten:

'learning to loose' for girls & 'learning to win' for boys

Dadurch dass Jungen von ihren LehrerInnen gesagt bekommen 'Du könntest ja, wenn Du nur wolltest' können sie viel mehr Vertrauen in ihre Fähigkeiten aufbauen. Sie können ihr Gelingen, also zum Beispiel eine gute Note, positiv für sich verwerten, es als Bestätigung ihrer Fähigkeiten akzeptieren, und Mißerfolg als Ergebnis ihrer Unordnung, ihrer mangelnden Motivation etc. auslegen. Mädchen dagegen deuten einen eigenen Fehlschlag meist als Resultat ihrer Inkompetenz und werten Erfolg als reines Glück oder Belohnung für ihre Mühe. Das wird ihnen auch von ihrer Umgebung leider meist so vermittelt. Es wird also deutlich, daß Jungen durch geschlechtsspezifische Rollenerwartungen der LehrerInnen ein viel positiveres Selbstbild entwickeln können als Mädchen. Es ist nicht das biologische Geschlecht, dass zur stärkeren Unsicherheit der Mädchen führt, sondern das Selbstvertrauen, welches durch das Geschlecht bedingt ist.

Leistungsentwicklung
Es hat sich gezeigt daß sich die Koedukation vor allem negativ auf das weibliche Geschlecht auswirkt. Trotzdem erzielen Mädchen nicht schlechtere Noten in der Schule als Jungen. Ganz im Gegenteil - auf den ersten Blick scheinen Mädchen das bessere Stück vom Kuchen erwischt zu haben: Sie haben ebenbürtige, meist sogar bessere Noten, sind an Gymnasien und Realschulen überrepräsentiert und erreichen höherere Abschlüsse mit besseren Durchschnitten. Mädchen müssen auch seltener Klassen wiederholen und werden wesentlich seltener auf Sonderschulen überwiesen. Doch schaut man ein Stück weiter findet man eine Paradoxie: Trotz dieser besseren Zugangschancen zu Universitäten und zum Arbeitsmarkt finden junge Frauen schwerer einen gut entlohnten Arbeitsplatz. Sie wählen häufiger Berufe mit wenigen Aufstiegschancen und entscheiden sich häufiger gegen ein Studium mit guten Berufsaussichten als ihre männlichen Altersgenossen. Dies liegt zum einen daran, dass Frauen oft den inneren Konflikt zwischen Familie und Beruf befürchten, schließlich wird diese typisch weibliche Doppelbelastung (Familie und Beruf) in der heutigen Gesellschaft immer noch als das individuelle Problem jeder Frau angesehen.
Zum anderen sind die Ursachen auch darin zu suchen, dass gerade die typisch 'männlichen' Domänen sehr zukunftsträchtig sind und junge Frauen in der Schule meist nicht dazu ermutigt werden sich in diesen zu betätigen, sondern ganz im Gegenteil sie in der Schule die Differenzierung von Fachbereichen in 'männlich' und 'weiblich' sogar noch bestätigt kriegen.

Geschlechtsspezifische Orientierung an inhaltlichen Bereichen
Betrachtet man sich einmal diverse Statistiken zur Leistungskurswahl in der Sekundarstufe II so stellt man fest, daß zweimal soviel Jungen Mathe wählen (23,1 Prozent zu 12,1 Prozent) und zweimal soviel junge Frauen Deutsch (39,5 Prozent zu 18,4 Prozent). Noch gravierender ist der Unterschied im Fach Physik, daß von sechsmal (!!!) so vielen jungen Männern gewählt wird (15,4 Prozent zu 2,7 Prozent). Auch ansonsten liegen künstlerische und sprachliche Fächer in der Gunst der Mädchen, Gesellschafts- und Naturwissenschaften in der Gunst der Jungen. Die Ursachen sind unter anderem historisch zu erklären ' während Jungen seit Jahrhunderten in Naturwissenschaften unterrichtet werden, geschieht dies für Mädchen erst seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Das Bild der naturwissenschaftlich unbegabten Frau hat sich bis heute gehalten.

Schulbücher und Lehrpläne
Generell werden im Lehrplan Problematiken in Bezug auf das Geschlecht ausgegrenzt. Es ist auch kaum die Vermittlung von Wissen über berühmte Frauen vorgesehen.
In Schulbüchern findet man fast ausschließlich klischeehafte Frauen und Männern wieder. Auch quantitativ sind die Frauen völlig unterrepräsentiert. In Zahlen ausgedrückt heißt das, daß in Geschichtsbüchern in 1-3% der Texte von Frauen die Rede ist, in Sprachbüchern ist dieser Anteil zwar größer, jedoch treten sie dort erheblich stereotypisiert auf: als Hausfrauen, Kindererzieherinnen und sie werden fast immer über einen Mann, meist ihren Ehemann, definiert. Weiterhin werden in den Schülbüchern, entsprechend der Lehrpläne, keine geschlechtlichen Themen behandelt. So findet beispielsweise das Problem der weiblichen Doppelbelastung (Karriere und Familie) keinen Platz, weder als Thema an sich noch in der Darstellung der Frauen ' lediglich sieben Prozent von ihnen sind verheiratet, berufstätig und haben Kinder. Insofern gibt es ebenso in Lehrbüchern keine Identifikationsmöglichkeiten für Mädchen außer der herkömmlichen, stereotypisierten Frau und Jungen müssen/können sich nicht mit starken Frauen auseinandersetzen.

All diese beschriebenen Prozesse, die in der gegenwärtigen, koedukativen Schule stattfinden führen nicht zum Abbau von Rollenklischees sondern zur weiteren Verinnerlichung selbiger. Wie aber kann man diese Entwicklung umkehren?

Monoedukation?
Schon heute haben SchülerInnen und LehrerInnen Bedenken bezüglich der Unterrichtsanforderungen, wenn in bestimmten Fächern die Klassen geschlechtsspezifisch getrennt unterrichtet werden. Vor allem die Jungen unterstellen, dass in den Mädchengruppen der Stoff viel leichter ist. Würde man nun zur Monoedukation zurückkehren, würde man auch die alten Zustände wieder einführen: Man würde zurückkehren zu einer 'Mädchenbildung zweiter Klasse'. 'Weibliche Abschlüsse' bedeuteten auch schlechtere Abschlüsse, schlechtere Chancen auf einen Arbeitsplatz und so weiter. Außerdem würde man durch geschlechtsspezifischen Unterricht schnell biologistischen Argumentationen der Konservativen Vorschub leisten, die meinen, dass geschlechtsspezifische Rollenklischees biologisch festgeschrieben und somit völlig 'natürlich' ist. Zudem sind Gleichheitsrechte formale Vorraussetzung für tatsächliche Gleichheit. Monoedukation würde aber auch formale Ungleichheit bedeuten, denn wer will schon garantieren, dass dann auch beide Geschlechter das qualitativ und inhaltlich Gleiche lernen und das Jungenschulen nicht vielleicht besser sind? Monoedukation hätte also den Rückfall in noch patriarchalere Zustände zur Folge.

Bessere Koedukation!
Der Fehler von 1968, nämlich die Koedukation als rein formales Prinzip zu begreifen, gehört nach 30 Jahren nun endlich behoben. Koedukation muss zusätzlich zu einem inhaltlichen Prinzip werden. Konkret heißt das, daß das Problem 'Geschlecht' in der Schule thematisiert werden muss um Rollenklischees aufzubrechen und sie den SchülerInnen (aufklärenderweise) vor Augen zu führen. LehrerInnen müssen dabei selbst über ihre geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen reflektieren, zum Beispiel durch Hospitationen von KollegInnen und so weiter, um sie abzustellen. Das Problem der geschlechtsspezifischen Sozialisation wird dadurch allein natürlich nicht gelöst. Dazu sind Veränderungen nötig, die in alle gesellschaftlichen Bereiche eingreifen.

Denn 'Schulen können nicht lehren, was die Gesellschaft nicht weiß' (Spender).

Eins der wichtigsten Bildungsziele muss die Ermöglichung individueller Entfaltungsmöglichkeiten jenseits von einengenden 'männlichen' und 'weiblichen' Leitbildern sein!

JungdemokratInnen/Junge Linke fordern daher:

Die grundsätzliche Überarbeitung der Lehrpläne!
Die gegenwärtigen Lehrpläne grenzen das Thema Geschlechterverhältnisse völlig aus und orientieren sich zudem an männlichen Standards. Die soziale Konstruktion der Heterogenität (Verschiedenheit) der Geschlechter, die Problematik der männlichen und weiblichen Sozialisation und so weiter werden im Unterricht nicht thematisiert. Die Behandlung von berühmten Frauen in der Politik, in der Kunst, in den Naturwissenschaften etc. ist im Unterricht ebenfalls unterrepräsentiert.
Die generelle Bearbeitung der Schulbücher!
Wenn in Schulbüchern überhaupt Frauen vorkommen, dann sind sie, wie auch Männer, stereotypisert dargestellt. Den SchülerInnen bieten sich so keine progressiven Identifikationsmöglichkeiten.